"In meinem wilden Herzen" *RILKE*
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Re: "In meinem wilden Herzen" *RILKE*
von We-No-Nah am 21.10.2009 22:12
ERNSTE STUNDE
Wer jetzt weint irgendwo in der Welt,
ohne Grund weint in der Welt,
weint über mich.
Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,
ohne Grund lacht in der Nacht,
lacht mich aus.
Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,
ohne Grund geht in der Welt,
geht zu mir.
Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,
ohne Grund stirbt in der Welt:
sieht mich an.
Rainer Maria Rilke, Oktober 1900
Re: "In meinem wilden Herzen" *RILKE*
von We-No-Nah am 21.10.2009 21:50
"Menschen bei Nacht " von Peter Maffay gesprochen
Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so mußt du bedenken: wem.
Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das von ihren Gesichtern träuft,
und haben sie nachts sich zusammengesellt,
so schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Händen hängt
die schwere Gebärde, mit der sie sich
bei ihren Gesprächen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.
* Rainer Maria Rilke *
Re: "In meinem wilden Herzen" *RILKE*
von We-No-Nah am 21.10.2009 21:40
" Die Welt, die monden ist "
Vergiß, vergiß, und laß uns jetzt nur dies
erleben, wie die Sterne durch geklärten
Nachthimmel dringen, wie der Mond die Gärten
voll übersteigt. Wir fühlten längst schon, wies
spiegelnder wird im Dunkeln; wie ein Schein
entsteht, ein weißer Schatten in dem Glanz
der Dunkelheit. Nun aber laß uns ganz
hinübertreten in die Welt hinein
die monden ist -
*Rainer Maria Rilke*
Re: "In meinem wilden Herzen" *RILKE*
von We-No-Nah am 16.10.2009 18:08
BIS WOHIN REICHT MEIN LEBEN ? <== klick
Das ist mein Fenster
Eben bin ich so sanft erwacht
Ich dachte ich würde schweben
Bis wohin reicht mein Leben
Und wo beginnt die Nacht?
Ich könnte meinen alles wäre noch
Ich ringsum durchsichtig wie eines Kristalles
Tiefe verdunkelt stumm
Ich könnte auch noch die Sterne fassen in mir
So groß scheint mir mein Herz
So gerne ließ es ihn wieder los
Den ich vielleicht zu lieben
Vielleicht zu halten begann
Fremd, wie niebeschrieben
Sieht mich mein Schicksal an
Was bin ich unter diese Unendlichkeit gelegt
Duftend wie eine Wiese hin und her bewegt
Rufend zugleich und bange dass einer den Ruf vernimmt
Und zum Untergange in einem Andern bestimmt
Re: "In meinem wilden Herzen" *RILKE*
von We-No-Nah am 16.10.2009 17:43Re: "In meinem wilden Herzen" *RILKE*
von We-No-Nah am 16.10.2009 17:10
ENGELGEDICHT von Rilke <==klick
Sie haben alle müde Münde
und helle Seelen ohne Saum.
Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde)
geht ihnen manchmal durch den Traum.
Fast gleichen sie einander alle;
in Gottes Gärten schweigen sie,
wie viele, viele Intervalle
in seiner Macht und Melodie.
Nur wenn sie ihre Flügel breiten,
sind sie die Wecker eines Winds:
als ginge Gott mit seinen weiten
Bildhauerhänden durch die Seiten
im dunklen Buch des Anbeginns.
Re: "In meinem wilden Herzen" *RILKE*
von We-No-Nah am 16.10.2009 16:48

"LÖSCH MIR DIE AUGEN AUS" <==klick
Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.
*Rainer Maria Rilke* Herbst 1899
Re: "In meinem wilden Herzen" *RILKE*
von Micky am 16.10.2009 14:53Ich danke dir von Herzen, liebe Heidrun. So wundervoll, besinnlich und wohltuend!
Gruß Micky
Re: "In meinem wilden Herzen" *RILKE*
von We-No-Nah am 16.10.2009 12:18
ÜBERFLIESSENDE HIMMEL <== klick
Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz,
an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen;
du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen,
du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen,
du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen,
du dunkles Netz,
darin sich flüchtend die Gefühle fangen.
Du hast dich so unendlich groß begonnen
an jenem Tage, da du uns begannst, -
und wir sind so gereift in deinen Sonnen,
so breit geworden und so tief gepflanzt,
dass du in Menschen, Engeln und Madonnen
dich ruhend jetzt vollenden kannst.
Lass deine Hand am Hang der Himmel ruhn
und dulde stumm, was wir dir dunkel tun.
*Rainer Maria Rilke* 1899
Re: "In meinem wilden Herzen" *RILKE*
von NiNoa am 16.10.2009 11:02Alles schön! Bilder, Worte, Gedanken. Ich reise mit. Danke!
"Ich habe unter denen, die sich einer unerschütterlichen Gesundheit erfreuen, noch keinen getroffen, der nicht nach irgendeiner Seite hin ein bißchen beschränkt gewesen wäre; wie solche, die nie gereist sind." André Gide (1869-1951)

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